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Logo "Tacheles - Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026". Links ist eine halbe Menorah in blauen Farbtönen zu sehen.

Ein Gespräch mit Maja Gratzfeld und Dr. Birthe Hemeier

Zur Ausstellung "Verwobene Echos. Farben der Religionen"

Maja Gratzfeld (l.) und Dr. Birthe Hemeier besprechen sich
Maja Gratzfeld (l.) und Dr. Birthe Hemeier besprechen sichAndrea Bereš

Ab dem ersten Septemberwochenende ist die Kunstinstallation Verwobene Echos. Farben der Religionen von Maja Gratzfeld in der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau zu sehen. Die Arbeit verbindet Fotografie, handgefärbte Textilien, Naturpigmente und den historischen Ort der ehemaligen Tuchfabrik. Im Zentrum stehen fotografische Nahaufnahmen der Hände ehemaliger Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Installation fragt danach, wie sich die Bedeutung eines Bildes verändert, wenn sein ursprünglicher Kontext nicht mehr sichtbar ist – und was aus einer alltäglichen Arbeitshand werden kann, wenn sie plötzlich wie eine rituelle Geste erscheint.
Verwobene Echos. Farben der Religionen ist ein Kooperationsprojekt der Tuchfabrik Gebr. Pfau, der Künstlerin Maja Gratzfeld und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung im Rahmen von Tacheles 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen. Entstanden ist das Projekt aus der Begegnung zwischen der Künstlerin Maja Gratzfeld und der Museumsdirektorin Dr. Birthe Hemeier, die durch die Vermittlung des Tacheles-Teams zusammengefunden haben.

Wie haben Sie beide jeweils ihren Weg nach Crimmitschau gefunden und wie kam es zu der Zusammenarbeit? Welche Rolle spielte dabei das Tacheles-Team?
Birthe Hemeier: Für mich war die Tuchfabrik Gebr. Pfau zunächst natürlich der Ort, an dem ich arbeite und den ich als Museum betreue. Gleichzeitig ist dieser Ort viel mehr als ein klassisches Museum. Die Gebäude und die erhaltenen Maschinen erzählen von einer regionalen Industriegeschichte, aber auch von den Menschen, die hier gearbeitet haben.
Die Verbindung zu Maja entstand dann über die Vermittlung des Tacheles-Teams. Dadurch kam eine Perspektive von außen an diesen Ort, die für uns sehr interessant war. Es ging von Anfang an nicht darum, die Geschichte der Tuchfabrik einfach zu illustrieren, sondern darum, zu sehen, was passiert, wenn eine zeitgenössische künstlerische Arbeit auf diesen historischen Ort trifft.
Maja Gratzfeld: Für mich war die Vermittlung durch das Tacheles-Team entscheidend. Ohne die Verbindung wäre diese konkrete Zusammenarbeit wahrscheinlich nicht entstanden. Ich kam also nicht mit der Idee nach Crimmitschau, einfach eine Arbeit in einem historischen Museum zu realisieren. Vielmehr entwickelte sich das Projekt aus der Begegnung mit Birthe und mit der Tuchfabrik.
Gleichzeitig war ein Ausgangspunkt die Suche nach jüdischer Textilgeschichte in Crimmitschau. Wir haben zunächst sehr lange nach konkreten Spuren und Geschichten gesucht, die sich mit jüdischer Textilgeschichte an diesem Ort verbinden lassen – zunächst ohne Erfolg. Erst kurz vor Beginn des Ausstellungsaufbaus konnte das Team der Tuchfabrik Spuren jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Crimmitschauer Textilindustrie finden. Irgendwann haben wir deshalb entschieden, nicht weiter nach einer Geschichte zu suchen, die wir vielleicht gar nicht rekonstruieren können, sondern die Fragestellung künstlerisch anders zu bearbeiten.
Das hat meine Arbeit stark beeinflusst. Der Ort ist nicht nur der Hintergrund für die Installation. Seine Geschichte, die Menschen, die hier gearbeitet haben, die Materialien und die Spuren dieser Arbeit sind Teil dessen geworden, womit ich mich künstlerisch auseinandersetze. Aus der Frage nach einer konkret auffindbaren jüdischen Textilgeschichte wurde so eine andere Frage: Wie können sich jüdische Geschichte, religiöse Überlieferung, Farbe, Material und Arbeit miteinander verbinden, ohne dass eine historische Verbindung konstruiert werden muss?

Die Tuchfabrik Gebr. Pfau ist ja kein normales Museum, sondern eine riesige Anlage, in der sächsische Textilindustriegeschichte teilweise wie in einem Bernstein eingeschlossen ist. Was war Ihr jeweils erster Eindruck, als Sie das Gelände in Augenschein genommen haben?
Birthe Hemeier: Die Größe und die Authentizität des Ortes sind sicherlich etwas Besonderes. Die Tuchfabrik ist kein neutraler Ausstellungsraum. Die Architektur, die Maschinen und die Räume geben eine sehr starke Atmosphäre vor. Gleichzeitig ist vieles sehr konkret: Es geht um Arbeit, Produktion, Material und um eine bestimmte regionale Geschichte.
Maja Gratzfeld: Mich hat genau diese Materialität interessiert. Man kann die Geschichte hier nicht nur über Texte oder Objekte verstehen, sondern begegnet ihr körperlich. Man steht in den Räumen, sieht die Maschinen, sieht die Spuren der Arbeit und bewegt sich durch einen Ort, an dem tatsächlich produziert wurde.
Für meine Arbeit war wichtig, dass die Installation nicht versucht, diesen historischen Kontext zu überdecken. Im Gegenteil: Die Tuchfabrik wird zu einem Resonanzraum, in dem sich die neuen Bilder und Materialien mit dem bereits vorhandenen Ort verbinden.

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher bei der Installation Verwobene Echos. Farben der Religionen?
Maja Gratzfeld: Die Installation besteht aus fotografischen Bildern, Stoffen, Farbe und Raum. Im Zentrum stehen Nahaufnahmen der Hände ehemaliger Arbeiterinnen und Arbeiter der Tuchfabrik.
Mich interessiert dabei, was passiert, wenn man diese Hände aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauslöst. Eine Hand, die ursprünglich eindeutig als Arbeitshand lesbar war, kann plötzlich etwas anderes bedeuten. Sie kann wie eine Geste des Haltens, Gebens oder Empfangens erscheinen – fast wie eine rituelle Handlung.
Daneben gibt es handgefärbte Textilien, Naturpigmente und fotografische Bilder. Diese Materialien überlagern sich und bilden ein räumliches Gefüge. Farbe ist dabei nicht einfach eine Oberfläche. Sie ist etwas, das hergestellt, gemischt, aufgetragen und mit dem Körper erfahren wird.
Dabei verweisen erdige Braun und Rottöne auf die begrenztere Farbpalette historischer Pigmente und Farbstoffe, wie sie auch in den Farbbezeichnungen und Materialien des Tanach begegnet. Demgegenüber stehen kostbare und bis heute schwer eindeutig zu bestimmende Farben wie Argaman und Techelet, deren Herstellung historisch an seltene Materialien, aufwendige Verfahren und besonderen Wert gebunden war.
Birthe Hemeier: Für mich ist spannend, dass die Arbeit auf den historischen Ort reagiert, ohne eine historische Rekonstruktion zu sein. Die Besucherinnen und Besucher können den Ort und seine Geschichte kennen und gleichzeitig einen neuen Blick darauf bekommen.

Wie wird sich die Installation in das Museum einfügen?
Birthe Hemeier: Die Installation wird Teil dieses historischen Umfelds, aber sie verändert auch den Blick auf das Museum. Die Tuchfabrik bleibt als Ort der Textilgeschichte sichtbar. Gleichzeitig kommen durch die künstlerische Arbeit neue Ebenen hinzu.
Das ist für ein Museum wie dieses sehr interessant: Die Geschichte wird nicht abgeschlossen erzählt, sondern kann durch eine zeitgenössische Arbeit neu befragt werden.
Maja Gratzfeld: Mir ist wichtig, dass die Arbeit den Ort nicht dekoriert. Die Stoffe und Bilder sollen in eine Beziehung zu den vorhandenen Räumen treten. Die Geschichte der Arbeit, die hier stattgefunden hat, wird dadurch nicht nachgestellt, sondern bekommt eine andere Form von Sichtbarkeit.

Das Konzept der Installation beschäftigt sich mit Religion und Textilien. Beide Themen sind im westsächsischen Alltag weniger präsent geworden. Seit 1990 gibt es kaum noch Textilindustrie und die Region ist sehr atheistisch geprägt. Handelt es sich bei der Ausstellung um ein Requiem?
Maja Gratzfeld: Ich würde die Arbeit nicht als Requiem im klassischen Sinn bezeichnen. Mich interessiert weniger der Abschluss einer Geschichte als die Frage, was von etwas bleibt, wenn sich sein ursprünglicher Zusammenhang verändert oder verschwindet.
Das betrifft sowohl die Geschichte der Textilarbeit als auch kulturelle und religiöse Überlieferungen. Mich interessiert das Weiterwirken von Spuren.
Deshalb spielt auch die Geste eine wichtige Rolle. Eine Arbeitshand kann aus ihrem historischen Zusammenhang herausgelöst werden und plötzlich wie eine rituelle Geste erscheinen. Etwas Alltägliches bekommt eine neue Lesbarkeit.
Birthe Hemeier:
Auch die Tuchfabrik selbst ist ein Ort solcher Spuren. Die industrielle Produktion gehört der Vergangenheit an, aber ihre materiellen Zeugnisse sind noch vorhanden. Das Museum bewahrt diese Geschichte.
Der religiöse Aspekt des Themas entwickelte sich aus der Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Wanderausstellung „Sichtbare Vielfalt. Religionen in Sachsen“. Der Blick auf die Weltreligionen in Sachsen, wie unter anderem der jüdischen, zeigt kulturell und religiös bedingte Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Dabei ist Farbigkeit ein spannender Aspekt: in christlich geprägten Regionen verbinden wir beispielsweise schwarz mit Trauer und weiß mit Reinheit wie das heute in weiß gehaltenes Brautkleid. Doch dies ist keine natürliche Konstante. Die Wahrnehmung von Farben ist kulturell abhängig. Hier Unterschiede und Gemeinsamkeiten – auch in Verbindung mit Majas Werk, das mit Farben als Symbolen spielt – zu präsentieren, ist für uns als Textilmuseum besonders spannend.

Wie funktioniert die künstlerische Arbeit im laufenden Museumsbetrieb?
Birthe Hemeier:
Das ist natürlich eine besondere Situation. Die Tuchfabrik ist ein Museum, das in einem technischen Denkmal auf den Erhalt des kulturellen Erbes Rücksicht nehmen muss und gleichzeitig Besuchenden ein inspirierendes wie informatives Erlebnis bieten möchte. Eine künstlerische Installation muss sich darauf einlassen.
Ich finde aber gerade diese Situation produktiv. Die Besucherinnen und Besucher erleben nicht nur die Kunst, sondern immer auch den Ort, in dem sie sich befindet.
Maja Gratzfeld: Für mich war es ebenfalls wichtig, den Aufbau nicht von der Geschichte des Ortes zu trennen. Die Arbeit entsteht hier in Auseinandersetzung mit dem Raum. Das Material verändert sich, wenn es in diesen Räumen hängt. Und auch die Fotografien verändern sich durch den Kontext. Genau diese Verschiebung interessiert mich eigentlich im gesamten Projekt.

Gibt es auch ein Rahmenprogramm zur Installation?
Birthe Hemeier:
Die Installation ist in ein weiteres Programm rund um die Ausstellung eingebunden. Dadurch gibt es Möglichkeiten, die Themen der Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen. In Gesprächsrunden und Vorträgen wird es auch im weiteren Sinn um Menschen und ihre Wahrnehmung von Farbe bzw. Religion gehen. Alle Termine finden sie auf der website der Tuchfabrik (https://www.tuchfabrik-crimmitschau.de/veranstaltungen).
Maja Gratzfeld:
Für mich ist auch das Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern ein wichtiger Teil des Projekts. Im Vorfeld der Ausstellung gab es bereits einen Workshop, in dem wir uns mit Farbe als Symbol und mit kollektiven Farbsymboliken beschäftigt haben. Dabei wurde deutlich, wie stark Farben mit persönlichen und gemeinsamen Erinnerungen verbunden sein können.
Wir haben beispielsweise über das sogenannte DDR-Blau oder Nelkenrot gesprochen und darüber, welche Empfindungen und Erinnerungen mit solchen Farben verbunden sind. Gleichzeitig ging es um die Verwendung von Farben in religiösen und politischen Zusammenhängen, etwa um die Farbcodes von Flaggen und ihre jeweilige Bedeutung.
Mich interessiert dabei, dass Farbe nie nur eine visuelle Eigenschaft ist. Sie kann Erinnerung, Zugehörigkeit, Ideologie oder religiöse Bedeutung tragen und verändert ihre Wirkung je nach historischem und gesellschaftlichem Kontext. Auch diese unterschiedlichen Ebenen von Farbwahrnehmung und Farberinnerung fließen in die Arbeit ein.

Was können die Gäste neben der Installation noch sehen?
Birthe Hemeier: Die Tuchfabrik selbst ist ein wesentlicher Teil des Besuchs. Sie erzählt die Geschichte der sächsischen Textilindustrie anhand der erhaltenen Gebäude, Maschinen und Arbeitszusammenhänge. Immer Freitag bis Sonntag um 14h gibt es eine öffentliche Führung, zu der man auch in die nicht-öffentlichen Bereiche gelangt. Innerhalb der Öffnungszeiten bietet das Museum ansonsten selbstverständlich Einblicke und Informationen durch seine Dauerausstellung sowie einen selbstständig und barrierefrei erschlossenen Maschinensaal.
Die Sonderausstellung mit der zeitgenössischen Installation steht dabei mitten in den authentischen Räumlichkeiten.

Haben Sie jeweils ein jiddisches oder hebräisches Lieblingswort?
Maja Gratzfeld: Mein Lieblingswort wäre wahrscheinlich melachah. Das hebräische Wort מְלָאכָה bedeutet Arbeit, Handwerk oder eine ausgeführte Tätigkeit. Im Jiddischen ist daraus Maloche geworden – ein Wort, das wir auch im Deutschen kennen.
Interessant finde ich aber, dass dieselbe hebräische Wurzel auch in mal'ach steckt, dem Wort für Engel. Mal'ach bedeutet ursprünglich Bote. Das gefällt mir sehr: Arbeit und Bote, Handwerk und Übermittlung liegen sprachlich so nah beieinander.
Für meine Arbeit ist das besonders spannend, weil es im Judentum die 39 Melachot gibt – die Kategorien von Arbeit, die am Schabbat untersagt sind. Ein großer Teil dieser Tätigkeiten stammt aus der Herstellung der Textilien für die Stiftshütte: Wolle scheren, Fasern reinigen und kämmen, färben, spinnen, weben, Fäden trennen, Knoten machen und lösen, nähen und reißen. Also genau Tätigkeiten, die mit Material, Textil, Farbe und den Händen zu tun haben.
Dadurch bekommt das Wort für mich noch eine andere Dimension: melachah ist nicht einfach nur Arbeit. Es bezeichnet eine Handlung, durch die etwas hergestellt und verändert wird. Und mal'ach, der Bote oder Engel, ist wiederum etwas, das etwas übermittelt. Vielleicht ist das auch eine schöne Verbindung zu meiner Arbeit: Material kann etwas übermitteln – Erinnerung, Geschichte, Körper und kulturelle Bedeutung.
Birthe Hemeier:
Ein Lieblingswort als solches habe ich nicht, aber ich finde die Sprachstruktur des Hebräischen, die der anderen altorientalischen Sprachen wie dem Akkadisch ähnelt, sehr spannend. Im Kosmos der Sprache entdecke ich als studierte Altorientalistin immer wieder kulturelle Gemeinsamkeiten, die sich über die Vermittlung der Bibel bis in das Heute tradieren.