Interview mit der Historikerin Dr. Francesca Weil
Über einen Untersuchungszeitraum von einem Jahrhundert hat Francesca Weil das Migrationsverhalten jüdischer Frau nach und aus Deutschland erforscht. Dies ist eines der Forschungsthemen der Historikerin, die am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung arbeitet. Mit ihr haben wir über die Forschung zu jüdischen Frauen gesprochen.
Welche Rolle spielt jüdische Geschichte in Ihrer Forschung?
Jüdische Geschichte nimmt ebenso wie historische Antisemitismusforschung einen großen Raum in meinen Forschungen ein. Was jüdische Geschichte angeht, interessieren mich vor allem die Geschichte jüdischer Frauen, darunter gegenwärtig vor allem die Lebensgeschichten jüdischer Frauen, die 1933 bis 1945 vor dem NS geflohen sind.Historische Antisemitismusforschung ist in einer großen Zahl meiner Studien immanent. Für mich ist die Geschichte des Nationalsozialismus ohne die Berücksichtigung von Holocaust und antisemitischen Erfahrungen nicht denkbar. In Veröffentlichungen von mir thematisiere ich eindringlich, wie antisemitische Ausgrenzung im Alltag und in institutionellen Kontexten wirkte – stets mit Blick auf gesellschaftliche und persönliche Bezüge. Wichtig ist mir dabei, die Perspektiven der Betroffenen sichtbar zu machen und ihnen im historiografischen Diskurs eine Stimme zu verleihen. So geschehen in meinen Projekten zu geflüchteten jüdischen Frauen als auch in meiner 2020 erschienenen Monografie „‘Uns geht es scheinbar wie dem Führer …‘ Zur späten sächsischen Kriegsgesellschaft (1943-1945)“.
Worum geht es in Ihrem Projekt „Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018)“?
Das Verbundnetzwerk „Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018). Interdisziplinäre Analysen“ besteht seit 2020. In allen enthaltenen Einzelprojekten werden Migration und Flucht entlang der klassischen drei Phasen untersucht: die Situation im Herkunftsland, die Erfahrungen während der Migration und die Integration in den Ankunftsländern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Verhalten der Aufnahmegesellschaften. Ausgehend von einer genderbewussten Migrationsforschung steht insbesondere die Frage nach emanzipatorischen Auswirkungen von Migration im Mittelpunkt. Untersucht wurde, inwiefern und unter welchen Bedingungen Migration Frauen berufliche und soziale Chancen eröffnete, die ihnen in ihren Herkunftsländern nicht in vergleichbarer Weise zur Verfügung gestanden hätten, und wo zugleich neue Barrieren entstanden. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in Herkunfts- und Ankunftsländern spielen hierbei eine zentrale Rolle.
http://www.frauen-migrationsforschung.de/
Welche Forschungslücken wollten Sie damit schließen?
Fest steht, dass es erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Ursachen und Bedingungen der Migration sowie deren Möglichkeiten und Anerkennung auf Asyl gab und gibt. Wird die Kategorie Geschlecht in der Forschung nicht thematisiert, werden wichtige Faktoren für das Verständnis von Motiven für Migration sowie der Lebensbedingungen von Frauen in den Ankunftsländern ignoriert. Eine Migrationsforschung, die konsequent einem Gender-Ansatz folgt, setzt Frauen und Männer zueinander und zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Beziehung. Forschungen zum Thema „Migration und Geschlecht“ zeigen, dass Frauen spezifische Erfahrungen, Handlungsspielräume, Integrationsvorteile und -hindernisse erlebten, die eng mit Geschlechterrollen und -erwartungen verknüpft waren. Frauen gestalten zudem den Verlauf und die Form der Migration wesentlich mit – mehr als bisher angenommen. Mittlerweile gibt es zahlreiche sozialwissenschaftliche Publikationen zu Einzelthemen über die Migration, einschließlich der Flucht von Frauen. In der historischen Frauen- und Geschlechterforschung sollte der Situation und den Erfahrungen dieser Frauen jedoch nach wie vor mehr Beachtung geschenkt werden. In der Migrationsforschung manifestierte sich zunehmend ein heterogenes Bild von Migrantinnen, die unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, Lebenserfahrungen, Migrationsmotive und -hintergründe mitbrachten bzw. -bringen. Migrationsdefizite aber auch -erfolge werden detailliert benannt. Eine umfassende interdisziplinäre Analyse mit komplexen Fragestellungen zu Frauen ausgewählter und unterschiedlicher Migrationsbewegungen aus, nach und innerhalb von Deutschland über einen längeren historischen Zeitraum hinweg, gegliedert in mehrere Einzelprojekte – wie sie hier geplant ist – existiert jedoch noch nicht.
Wie unterschieden sich die Erfahrungen jüdischer Frauen von denen nicht-jüdischer?
Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Erfahrungen jüdischer und nicht jüdischer Frauen. Es gibt Frauengruppen wie die der Hazara in Afghanistan, die ähnlich wie jüdische Frauen aus ethnischen und religiösen Gründen verfolgt wurden/werden und fliehen mussten/müssen. Bei den Frauen der Hazara kommt jedoch noch ein weiterer Verfolgungsgrund dazu: Sie wurden/werden von den Taliban, allein weil sie Frauen waren/sind, unterdrückt. Dagegen unterscheiden sich geflüchtete deutsche Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges deutlich von denen jüdischer Frauen. Diese Frauen flohen nicht aus Gründen ethnischer oder religiöser Verfolgung, sondern vor Bombardierungen und den Alliierten, insbesondere vor der Roten Armee.
Das Projekt war Teil eines größeren Forschungsvorhabens namens DIKUSA – Vernetzung digitaler Kulturdaten in Sachsen. Was hat es damit auf sich?
Das DIKUSA-Projekt ist Teil des seit 2020 bestehenden Verbundnetzwerks „Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018). Interdisziplinäre Analysen“. In allen Teilprojekten werden Migration und Flucht entlang der klassischen drei Phasen untersucht: die Situation im Herkunftsland, die Erfahrungen während der Migration und die Integration in den Ankunftsländern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Verhalten der Aufnahmegesellschaften.
Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank sowie in interaktiven Karten visualisiert werden. Diese richten sich an ein breites Publikum: an Forschende, Museen, Akteur:innen der politischen Bildung sowie an eine interessierte Öffentlichkeit. Die Karten machen Zusammenhänge zwischen Herkunftsmilieu, sozialer Stellung, Fluchtroute und Emanzipationsmöglichkeiten sichtbar und erlauben es, unterschiedliche Fluchtbewegungen miteinander in Beziehung zu setzen – etwa jene vor dem NS und solche aus gegenwärtigen autoritären Regimen.
Ende des Jahres 2025 konnte das DIKUSA-HAIT-Projekt „Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen – Aufbau einer erfahrungsgeschichtlichen Wissensbasis“ schließlich erfolgreich abgeschlossen werden:
https://saxorum.hypotheses.org/11007
Wie können Daten, die Sie in ihrer Forschung erhoben haben, langfristig aufbewahrt und für weitere Forschungen genutzt werden?
Sie können als Printausgaben, aber auch digital aufbewahrt werden. Am besten beides – zur Sicherheit bzw. Sicherung der Daten.
Was erhoffen Sie sich vom Jahr der jüdischen Kultur aus Sicht einer Historikerin?
Mir ist es wichtig, dass den Menschen in Sachsen und darüber hinaus jüdische Kultur, Geschichte und Erfahrung (erneut) nähergebracht werden. Das kann meines Erachtens dazu beitragen, den zugenommenen Antisemitismus in unserem Land wieder einzudämmen. Ich freue mich aus diesen Gründen auch sehr darüber, dass in Deutschland eine Außenstelle von Yad Vashem entstehen wird. Eine der beiden Städte, in denen die Außenstelle errichtet wird, ist Leipzig; die Stadt, in der ich lebe.
Haben Sie ein jiddisches oder hebräisches Lieblingswort?
Schlomo. Mir gefällt zum einen das Wort an sich, zum anderen gefällt mir seine Bedeutung: Schlomo ist ein traditioneller hebräischer männlicher Vorname. Der Name leitet sich vom hebräischen shalom ab, was Friede oder Wohlbefinden bedeutet. Die wörtlichen Übersetzungen des Namens: der Friedliche, der Frieden bringt, sein Friede.
