Interview mit Christiane Munsberg
Die Organisatorin der Lesereihe "Jüdische Lebenswelten" auf der Leipziger Buchmesse gibt einen Einblick in die Entstehung der Reihe
56 Autorinnen und Autoren aus 41 Verlagen an 20 Leseorten: Dies sind die Kennzahlen des diesjährigen Programms der Lesereihe Jüdische Lebenswelten auf der Leipziger Buchmesse. Ob auf der Messe, im Ariowitsch-Haus oder im Felsenkeller: Von Donnerstag bis Sonntag werden in der gesamten Messestadt jüdische Themen literarisch verhandelt. Hinter der Organisation der Reihe steht seit 2005 Christiane Munsberg. Wir haben mit ihr über die Lesereihe und die Liebe zur Literatur gesprochen.
Sie sind gebürtige Osnabrückerin, wie kamen Sie auf die Leipziger Buchmesse?
Christiane Munsberg: Über den Buchhandel kam ich 1992 zu Bertelsmann und erlebte im selben Jahr meine erste Leipziger Buchmesse als Aussteller: im Messehaus am Markt stand ich am Messestand der Vereinigten Verlagsauslieferung. Alles war kleiner, unmittelbarer und spürbar im Zeichen des Aufbruchs. Man konnte zwischen Terminen einfach in die Stadt gehen. Diese Nähe und Offenheit haben mich sofort begeistert.
Im Jahr 2000 wechselte ich mit Bertelsmann nach München und betreute dort unter anderem das „Blaue Sofa“. Es gelang mir, das ZDF als Partner zu gewinnen – gemeinsam entwickelten wir daraus eine Autorenplattform mit täglich fünf bis sechs Gesprächen auf der Leipziger Buchmesse, die wir live ins Netz übertrugen. Livestreaming auf Buchmessen war damals neu, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. In den folgenden Jahren kamen Deutschlandfunk Kultur und 3sat als Partner hinzu und der SPIEGEL schrieb: „Das blaue Sofa, mit Stoff bezogen, ist die Ruhmesrampe der Buchmesse.“
Parallel betreute ich für den Bertelsmann Club unter anderem die „Jüdischen Lebenswelten“. Nach meinem Eintritt in den Ruhestand übernahm ich auf Bitte der Buchmesse die Kuratierung der Reihe, was mir eine Herzensangelegenheit war.
Wann entstand die Lesereihe „Jüdische Lebenswelten“ im Umfeld der Leipziger Buchmesse?
CM: Nach dem Mauerfall veränderte sich auch der Buchmarkt in den neuen Bundesländern grundlegend. Westdeutsche Titel waren nun regulär erhältlich, insbesondere Sachbücher und Ratgeber wurden für viele Menschen zu Orientierungshilfen in einer neuen Realität. Für viele Verlage war eine zweite Buchmesse neben Frankfurt zunächst ein erheblicher zusätzlicher Kostenfaktor. Deshalb brauchte die Leipziger Buchmesse ein eigenes Profil, das mehr war als ein „kleines Frankfurt“.
In Gesprächen zwischen Messe, Stadt und dem damals stark in Ostdeutschland expandierenden Bertelsmann Club entschied man, Leipzig als Publikums-Messe zu positionieren, die in die Stadt ausstrahlt. Damit wollte man maximale Medienpräsenz und Öffentlichkeit erreichen – für die Verlage ein überzeugendes Argument, in Leipzig zu bleiben. So entstand die Idee des Lesefestes: Wenn Leipzig eine Publikumsmesse sein wollte, dann musste Literatur in der ganzen Stadt stattfinden. Von Anfang an dachte man groß: mehr als 1.000 Autorinnen und Autoren sollten nicht nur in Messehallen auftreten, sondern in Kirchen, Galerien, Hotels, Gerichtssälen und Bibliotheken lesen und diskutieren. Die Stadt selbst wurde zur Bühne.
Das Ziel war klar: „Leipzig liest“ sollte das größte europäische Lesefest werden. Und zugleich griff man damit eine Erfahrung auf, die viele aus den 1980er-Jahren in der DDR kannten. Lesungen – besonders in Kirchen und unabhängigen Räumen – spielten eine besondere Rolle. Literatur war dort nie bloß Unterhaltung, sondern ein Ort für Nachdenken, Gespräch und Austausch. Dieses Bewusstsein, dass Literatur Öffentlichkeit herstellen und Resonanz erzeugen kann, prägt „Leipzig liest“ bis heute.
So entstanden auch die „Jüdischen Lebenswelten“. Dahinter stand der Wille, das jüdische Erbe Leipzigs wieder sichtbar zu machen. Bis 1933 zählte die jüdische Gemeinde mit rund 12.000 Mitgliedern zu den größten im Deutschen Reich – ein Zentrum jüdischen Wirtschafts- und Kulturlebens. Diese Welt wurde durch Verfolgung, Emigration und Deportationen nahezu ausgelöscht.
Die „Jüdischen Lebenswelten“ knüpfen an diese Geschichte an. Seit den frühen Jahren der neu gegründeten Buchmesse gehören sie zu den prägenden und erfolgreichen Formaten von „Leipzig liest“.
Und wie hat sie sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt?
CM: 2004 übernahm ich die „Jüdischen Lebenswelten“, die damals in der Aula der Alten Nikolai-Schule stattfanden. 2010 zogen wir ins neu eröffnete Ariowitsch-Haus, das sich als Kultur- und Begegnungszentrum der Israelitischen Religionsgemeinde schnell zu einem offenen Forum für Vorträge, Konzerte und Diskussionen entwickelte. Damit erhielt die Reihe einen Ort, der ihrem Anspruch entsprach – sichtbar, verankert und im Zentrum jüdischen Kulturlebens.
Im selben Jahr ergab sich eine besondere Partnerschaft. Der damalige israelische Botschafter Shimon Stein trat mit einer ungewöhnlichen Idee an Bertelsmann heran. Den 40. Jahrestag der deutsch-israelischen Beziehungen wollte er 2005 nicht mit Politikern begehen, sondern mit den überzeugendsten Botschaftern seines Landes: mit seinen Schriftstellerinnen und Schriftstellern.
Unter dem Motto „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“ präsentierte die israelische Botschaft 2005 zwölf ihrer bekanntesten Autorinnen und Autoren in Leipzig, darunter Amos Oz, David Grossman, Joshua Sobol, Zeruya Shalev, Meir Shalev, Etgar Keret und Lizzie Doron. Sie alle traten am Messestand der Botschaft auf und lasen abends im Rahmen von „Leipzig liest“ in der Stadt. Das Motto stammte aus Theodor Herzls Roman „Altneuland“, dessen deutsche Ausgabe 1902 in Leipzig erschienen war – ein historischer Bezug, der die literarische Idee Herzls mit der Geschichte der Messestadt Leipzig verknüpfte.
Diese Initiative wirkte nachhaltig. Leipzig wurde zu einem zentralen Ort für die Begegnung mit israelischer Literatur in Deutschland. 2007 starteten wir gemeinsam mit dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der israelischen Botschaft das Projekt „Lebenserfahrungen – Schreiberfahrungen“. Studierende lasen aktuelle israelische Romane und diskutierten mit den Autorinnen und Autoren. Einige von ihnen – etwa Katharina Adler, Isabelle Lehn, Sascha Macht oder Andreas Stichmann – sind heute selbst etablierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Zum 50. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen war Israel Gastland der Leipziger Buchmesse. Auch das 60. Jubiläum wurde 2025 in Leipzig literarisch gewürdigt.
Mit welchem Buch wurde 2005 die Reihe eröffnet?
CM: Mit Amos Oz’ Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Für uns war es ein idealer Auftakt, weil das Buch persönliche Erinnerung literarisch und historisch mit der Geschichte Israels verbindet.
In der Lesereihe werden jüdische Autorinnen und Autoren sowie Bücher, die jüdische Themen behandeln, aufgenommen. Welchen Wandel in den Buchinhalten konnten Sie in den letzten 21 Jahren beobachten?
CM: Grundsätzlich gilt: Literatur ist das größte Archiv der Welt. Sie bewahrt Erinnerungen, macht das Unsichtbare erfahrbar und entwirft Möglichkeiten, lange bevor sie Wirklichkeit werden. Wer liest, sammelt Erfahrungen – vielleicht sogar Widerstandskraft. David Grossman hat es so formuliert: Durch Literatur werde man weniger leicht zum Opfer.
Auch jüdische Autorinnen und Autoren sind Kinder ihrer Zeit – doch sie schreiben oft mit einer besonderen historischen Sensibilität. Die Generation der Überlebenden schrieb im Schatten der Shoah, vielfach in jener Sprache, die zugleich literarisches Werkzeug und Sprache der Täter war – eine Konstellation von enormer innerer Spannung. In der nachgeborenen Generation setzte eine intensive Selbstbefragung ein: Was heißt es, als Nachfahr von Verfolgten im „Land der Täter“ zu leben und auf Deutsch zu schreiben? Identität wurde in dieser Literatur immer wieder neu ausgehandelt.
In den 1990er-Jahren bekam die Literatur einen neuen Klang. Mit der Zuwanderung jüdischer Familien aus der ehemaligen Sowjetunion traten Autorinnen und Autoren hervor, die von Migration, Aufbruch und Fremdheit erzählten – vom Leben zwischen Sprachen, vom Gefühl, zugleich dazuzugehören und fremd zu bleiben. In ihren Texten ist Identität nichts Festes, sondern etwas, das sich erst im Erzählen bildet: beweglich, vielschichtig, offen.
Und dann der Blick nach Israel. Assaf Gavron hat bei den „Jüdischen Lebenswelten“ 2025 eine kühne These formuliert: Israel sei vermutlich der einzige Staat, dessen Gründung auf der Vision eines utopischen Romans beruhe – auf Theodor Herzls „Altneuland“.
Herzl erinnert man heute vor allem als politischen Vordenker des Zionismus, kaum als Romancier. Und doch steht am Anfang dieses Staates ein literarischer Entwurf. In „Altneuland“, 1902 in Leipzig erschienen, imaginiert Herzl auf Deutsch das Jahr 1923: einen jüdischen Staat als geordnetes Gemeinwesen, in dem Deutsch gesprochen wird, man in Haifa in die Oper geht und in friedlicher Nachbarschaft mit gebildeten Arabern lebt. Die eigentliche Kraft dieses Romans lag nicht in seiner literarischen Größe, sondern in seiner Vorstellungskraft. „Altneuland“ eröffnete einen Möglichkeitsraum – und aus dieser Imagination erwuchs politische Realität.
Die Kriege der 1970er- und 1980er-Jahre und eine wachsende gesellschaftliche Verunsicherung veränderten auch die Literatur. Sie wurde nüchterner, skeptischer. Aus der großen Entwurfsgeste entstand eine prüfende, bisweilen dystopische Stimme – eine Literatur, die weniger Zukunft entwirft als Gegenwart befragt. Der 7. Oktober 2023 markiert eine neue Zäsur. Seit dem Angriff der Hamas ist die Region erneut im Krieg, eine politische Lösung nicht absehbar. Die Literatur beschreibt seither eine Gesellschaft im inneren Ringen – und stellt die offene Frage, wie Zukunft unter Bedingungen von Gewalt überhaupt noch denkbar ist.
Wie entsteht denn das Programm der Lesereihe – und was ist das Besondere in diesem Jahr?
CM: Formularende Ausgangspunkt sind die Frühjahrsprogramme der Verlage. Mich interessieren weniger einzelne Titel als die Themen, die sich verdichten – Fragen, die mehrere Autorinnen und Autoren zugleich beschäftigen und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. So entsteht Schritt für Schritt ein kuratiertes Programm, das nicht additiv, sondern dialogisch gedacht ist.
2026 kommt eine besondere Dimension hinzu: Das Jüdische Jahr in Sachsen steht unter dem Motto „TACHELES“. Diesem Leitgedanken haben wir uns bewusst angeschlossen und die „Jüdischen Lebenswelten“ klar als Beitrag der Leipziger Buchmesse zu diesem Kulturjahr positioniert. Zugleich haben wir das Programm erweitert und enger mit Leipziger Institutionen vernetzt.
Wenn nun rund 60 Autorinnen und Autoren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Messegelände und an etwa 20 Orten in der Stadt mit dem Publikum ins Gespräch kommen, entsteht kein bloßes Nebeneinander von Veranstaltungen, sondern ein zusammenhängender öffentlicher Diskursraum – und im besten Sinne wird Tacheles geredet.
Welche thematischen Schwerpunkte setzen die „Jüdischen Lebenswelten“ in diesem Jahr?
CM: Es geht darum, Erinnerung zu bewahren, Gegenwart zu verstehen und den Blick nach vorn zu richten. Holocaustüberlebende machen deutlich, dass die Shoah nicht abgeschlossen ist, sondern biografisch weiterwirkt. Eva Umlauf warnt eindringlich vor Antisemitismus und fordert entschlossenes Handeln zum Schutz jüdischen Lebens. Neu zugänglich gemachte Exiltexte erinnern an untergegangene Lebenswelten, jüngere Autorinnen und Autoren fragen, wie verdrängte Geschichte und familiäre Traumata bis heute nachhallen. Wissenschaftliche Beiträge beleuchten den Wandel der Erinnerungskultur und die Aktualität der Totalitarismusforschung.
Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich Antisemitismus, Populismus und Radikalisierung sowie den juristischen Grenzen der Meinungsfreiheit im digitalen Raum. Internationale Perspektiven – insbesondere auf Israel und Europa – erweitern den Blick. Beiträge zur jüdischen Geistesgeschichte, zur Entwicklung der Judaistik und sogar zur Song-Poesie Bob Dylans ergänzen die literarischen Positionen.
Ausführliche Informationen zum Programm, zu den Autorinnen und Autoren sowie zum kuratorischen Konzept finden Sie in der beigefügten Presseinformation.
Was war das denkwürdigste Erlebnis, das Sie im Rahmen der Jüdischen Lebenswelten erlebt haben?
CM: Ein Auftritt von Avi Primor, Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer im Jahr 2015 zum Thema „Die DDR und Israel“. Der Andrang war so enorm, dass wir Gäste abweisen mussten. Die drei Herren überboten sich an Charme, und Avi Primor schoss am Ende mit einem brillanten jüdischen Witz über eine Samurai-Prüfung den Vogel ab:
Ein Chinese, ein Japaner und ein Jude treten zur Samurai-Prüfung an. Der Meister stellt ihnen eine Aufgabe: Sie sollen eine Fliege im Flug mit dem Schwert zerteilen.
Zuerst ist der Chinese an der Reihe. Ein einziger Hieb – die Fliege fällt sauber in zwei Hälften zu Boden. „Bestanden“, sagt der Meister. Dann tritt der Japaner vor. Mit eleganter, fließender Bewegung wirbelt er das Schwert durch die Luft – die Fliege zerfällt in vier Teile. Der Meister nickt anerkennend: „Glänzend bestanden.“
Schließlich ist der Jude an der Reihe. Er fuchtelt scheinbar chaotisch durch die Luft. Die Fliege gerät kurz ins Taumeln – und fliegt dann unversehrt weiter. Der Meister runzelt die Stirn: „Du hast sie nicht getroffen. Durchgefallen!“ Der Jude lächelt ruhig: „Im Gegenteil, Meister. Ich habe sie soeben im Flug beschnitten.“
Wenn man in der Buchbranche arbeitet, wie viele Bücher muss man pro Jahr lesen, um mitreden zu können?
CM: Ich würde sagen: mindestens eines – „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ von Pierre Bayard. Danach liest man viel entspannter.
Welches Buch eines jüdischen Autors/ einer jüdischen Autorin hat Sie besonders geprägt?
CM: Das wechselt tatsächlich von Jahr zu Jahr. In diesem ist es Alexander Estis mit seinem Buch „Am Anfang war Schmonzes“. Estis wurde in Moskau geboren, lebt heute in der Schweiz und war im vergangenen Jahr Stadtschreiber in Dresden. Seine Parabeln und Satiren verbinden jüdischen Witz mit großer politischer Wachsamkeit. Mich beeindruckt, wie er mit sprachlicher Präzision und Humor zeigt, dass Komik kein Eskapismus ist, sondern eine Form geistiger Widerständigkeit.
Gibt es ein jiddisches Wort, das Ihnen besonders gut gefällt?
CM: Wenn ich mich entscheiden muss, dann ist es „Tachles“ – das jiddische Wort, das im Deutschen als „Tacheles“ weiterlebt. Es steht für Klarheit, für Haltung und für Direktheit ohne Aggression. Genau darum geht es uns.
