Direkt zum Inhalt
Logo "Tacheles - Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026". Links ist eine halbe Menorah in blauen Farbtönen zu sehen.

Interview mit Martina Glass, Geschäftsführerin des Netzwerkes für demokratische Kultur Wurzen e.V.

Die Stadt Wurzen hat im Rahmen von Tacheles 2026 ein umfangreiches Programm zu jüdischer Geschichte und Kultur zu bieten. Doch einer der Hauptakteure – das Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. – hat massive finanzielle Probleme, da die Kulturraumförderung für 2026 und 2027 entzogen wurde. Wir sprachen mit Martina Glass, Geschäftsführerin des Netzwerkes, über die Situation.

Martina Glass, Geschäftsführerin des NDK Wurzen e.V.privat
Das Kultur- und Bürger_innenzentrums D5 in Wurzen

Das Netzwerk für Demokratische Kultur Wurzen e.V. (NDK) hat gemeinsam mit anderen Mitstreitern ein attraktives Angebot zu Tacheles 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen aufgestellt. Wie kam es zu diesem Engagement?
Ich habe den Aufruf damals gelesen und gedacht, das wäre doch eine gute Gelegenheit mal mit anderen Akteuren in Stadt was auf die Beine zu stellen. Bisher hatten wir immer einzelne Kooperationen, aber noch nie so viele verschiedene Menschen und Akteure zusammen. Ich wusste, dass das Thema in Wurzen sehr viele Unterstützer:innen hat und so habe ich alle angeschrieben und gefragt, was sie davon halten. Alle waren sofort einverstanden und wir machten ein erstes Treffen. 

Wie ist bisherige Resonanz des Publikums? 
Die bisherige Resonanz ist gut bis sehr gut. Veranstaltungen sind teilweise ausverkauft, bei anderen ist der Raum gut gefüllt. Es kommen sogar Gäste von außerhalb. Bei der Eröffnung waren über 60 Zuschauer:innen beim Konzert. Das finde ich persönlich großartig. Einige spannende Veranstaltungen liegen ja noch vor uns bis zum Abschluss im Dezember. Ich freue mich schon über die Begegnungen und den Austausch.

Inmitten der Vorbereitungen platzte im September 2025 der Entschluss des Wurzener Stadtrates, den notwendigen Sitzgemeindeanteil der Stadt für die Kulturraumförderung des Vereins nicht zu zahlen. Obwohl genügend Spenden gesammelt wurden, um die Kosten für die Stadt auszugleichen, entschied sich eine Mehrheit im Stadtrat dagegen. Können Sie den Prozess des letzten Jahres noch einmal kurz rekapitulieren?

Wie seit vielen Jahren reichten wir unseren Antrag mit dem entsprechenden Konzept eines soziokulturellen Angebotes bei der Stadt ein. Neu war, dass alle Träger ihre Projekte im Kulturausschuss vorstellen mussten, ein Gremium aus Stadtratsvertreter:innen aller Fraktionen. Wir sahen darin eine gute Gelegenheit einmal persönlich unsere Arbeit vorzustellen. In diesem Kulturausschuss wollte die AFD zunächst beantragen, dass die Projekte nicht wie vorgesehen im Block abgestimmt werden, so wie es die Beschlussvorlage vorsah, sondern, dass unser Antrag in jedem Fall einzeln abgestimmt werden müssen, da sie diesem in keinem Fall zustimmen werden. Da dies nicht möglich war, beantragten sie eine Vertagung der Entscheidung über unseren Antrag in den nächsten Stadtrat. Dieser Antrag wurde dann zur Abstimmung gestellt und mit 4 (AFD und CDU) dafür, bei 3 (SPD; Linke und Bürger für Wurzen) Gegenstimmen befürwortet. Die anderen Anträge dieses Abends wurden kommentarlos bewilligt. Im Stadtrat nutzte die AFD die Gunst und Lars Vogel hielt eine lange Rede nach unserer Vorstellung über den Unsinn unseres Projektes hinsichtlich der Werte, die wir vertreten, der regionalen Bedeutsamkeit, der Traditionen, die wir missachten und der linken Soziokultur, die wir betreiben würde, die er in eine Reihe stellt mit einer vermeintlichen rechten Soziokultur, die es ja auch gebe. Danach wurde geheim abgestimmt (was vorher unter sehr nebulösen Begründungen beantragt worden ist). Die Abstimmung fiel für uns negativ aus.
Anschließend haben sich viele Menschen bereit erklärt, den Sitzgemeindeanteil mit Spenden aufzubringen, was dann auch geschah. Auch diese wurden abgelehnt und manche Stadträte waren sogar sauer, dass sie sich nun schon wieder damit beschäftigen müssen. Bei der zweiten Abstimmung meldete sich auch die CDU zu Wort, dessen Tenor war, dass wir ja schon viel Geld bekommen haben von der Stadt und auch aus anderen Quellen und das reiche ja jetzt auch mal. Außerdem stören wir Ruhe und Frieden in der Stadt, dem den Projekten und Veranstaltungen, die wir machen und andere Vereine kämen ja auch so klar. Für 2027 haben wir dann dieses Jahr wieder einen Antrag eingereicht, der ebenfalls abgelehnt wurde. Die AFD hat hier gute Unterstützung von anderen Personen und Fraktionen.

 Welche Auswirkungen hat der Wegfall der Kulturraumförderung für die Arbeit des NDK?
Die Konsequenz ist, dass wir keine Kulturraumförderung für 2026 bekommen haben. Dadurch fehlt uns vor allem Geld für die Kulturarbeit, das offene Haus für Bürger:innen, die Räume und Infrastruktur nutzen können und mit uns zusammen Projekte und Veranstaltungen entwickeln. Darüber hinaus fehlen uns wichtige Gelder für den Unterhalt des Hauses und die Instandhaltung.

Wie nehmen die Nutzer:innen der Angebote des NDK diese Beschneidung wahr und wie setzt sich das Publikum zusammen?
Es gibt viele Menschen, die uns schon während des Prozesses im letzten Jahr unterstützt haben und mit uns Seite an Seite standen. Für manche ist es immer noch nicht ganz fassbar, dass wir jetzt einfach keine Veranstaltungen mehr machen oder das Haus nur noch an zwei Tagen geöffnet ist für Publikum. Vieles haben wir auch versucht zu erhalten und das machen wir jetzt zusätzlich noch mit. So können sich die verschiedenen Gruppen, wie der Kreativtreff, die Gedächtnisgruppe, die Yogagruppe, das Sprachcafé und der Pokemontreff dennoch einmal die Woche kostenlos in unseren Räumen treffen. Daneben haben wir natürlich weitere Projekte, die unabhängig von den Fördermitteln weiter gehen und die vielfältigen Zielgruppen erreichen. Dabei reichen unsere Angebote von einem Zukunftslabor für Kinder und Jugendliche, über interkulturelle Frauen – und Mädchengruppen bis hin zu Senior:innenangeboten. Wir erreichen alle Altersgruppen und unterschiedliche Milieus würde ich sagen.

Welche Gründe zur Ablehnung wurden angeführt? Drückt sich darin auch eine ablehnende Haltung der Wurzener Bevölkerung aus?
Das mit der Begründung ist interessant. Weiter oben hatte ich ja schon erwähnt, dass die AFD vor allem unsere (demokratischen) Werte nicht teilt und wir ihrer Meinung nach nur eine kleine linke Zielgruppe bespielen würden in Wurzen, darüber hinaus sich aber niemand interessiert für uns. Von der CDU kam noch das finanzielle Argument hinzu. Wir wären jetzt ausreichend bedacht worden in den letzten Jahren und damit muss jetzt mal Schluss sein, andere Vereine bekämen ja auch kein Geld. Interessant daran ist, dass dies alles Menschen sagen, die noch nie bei uns waren, keine Veranstaltung besucht oder an einem Projekt teilgenommen haben. Die wir teilweise mehrmals eingeladen haben zu unseren Veranstaltungen, die aber nie kommen.
Wir haben ein diverses Programm für ein diverses Publikum. Ich würde behaupten, da ist für jeden was dabei. Der große Zuspruch von einer Vielzahl an Wurzener:innen, wir hatten letztes Jahr begonnen Unterstützungsunterschriften zu sammeln, dabei sind über 200 zusammen gekommen, dass diese Entscheidung auf gar keinen Fall die Meinung der gesamten Einwohner:innenschaft von Wurzen widerspiegelt. Es gibt sicher Menschen, die unsere Veranstaltungen und Projekte nicht interessant finden oder auch ablehnen, aber in einer Demokratie sollte Vielfalt möglich sein. Für mich hat diese Entscheidung mehr mit Machtdemonstration als mit einem demokratischen Prozess zu tun.

 Sie kommunizieren diese Vorgänge offen nach außen und sprechen darüber auch mit den Medien. Wieso haben Sie diese Strategie gewählt?
Wir finden, dass es wichtig ist diese Entwicklungen auf politischer Ebene sichtbar zu machen. Für uns sind hier demokratische Werte in Gefahr und der Schulterschluss mit sowie auch die Verharmlosung der AFD hochproblematisch. Das können wir, bei dem, was die AFD öffentlich äußert in Bezug auf soziale Arbeit, Demokratiebildung und auch Soziokultur nicht widerstandslos hinnehmen. Das NDK besteht seit 25 Jahren in Wurzen und wurde nicht grundlos von jungen Menschen damals als Verein gegründet. Diesem Leitbild bleiben wir treu, wir bieten Raum und Vernetzung für diejenigen, die sich engagieren wollen für eine vielfältige und gerechte Gesellschaft. Das sehen wir momentan durch politische Entscheidungen massiv gefährdet und deshalb ist Öffentlichkeit wichtig.

Denken Sie und ihre Mitstreiter:innen wegen dieser Rückschläge daran, die Arbeit in Wurzen einzustellen?Widerstand und Ablehnung kennt der Verein seit seiner Gründung in dieser Stadt, aber in den letzten Jahren ist unsere Wirkung und Reichweite stark gewachsen. Immer mehr Menschen nutzen unser Haus, kommen zu unseren Veranstaltungen, fühlen sich wohl und sicher in unseren Räumen, lernen gemeinsam, sind respektvoll und offen. Da wirft uns diese Entscheidung nicht zurück. Eine Tür geht zu und andere Türen öffnen sich. Unsere Arbeit wird von so vielen verschiedenen Menschen getragen und geschätzt. Es gibt überhaupt keinen Grund aufzuhören. Ganz im Gegenteil, es gibt tausend Gründe weiter zu machen.

Wie können die Einwohner von Wurzen und Menschen außerhalb der Stadt das NDK bei der Arbeit unterstützen?
Am besten ist es, unsere Arbeit langfristig mit einer Fördermitgliedschaft zu sichern. So können wir unabhängiger von öffentlichen Geldern werden. Das Wichtigste ist uns der Erhalt des Hauses und damit des Ortes in Wurzen, der so wichtig ist für viele Menschen. Ansonsten freuen wir uns über ehrenamtliches Engagement, dass uns bei dem Erhalt des Hauses unterstützt. 

Zum Schluss die Frage: Was ist ihre persönliche Motivation für ihr Engagement?
Ungerechtigkeit bringt mich auf. Das ertrage ich nur ganz schwer. Sie äußert sich in so vielen verschiedenen Dingen. Ich möchte dem etwas entgegensetzen, etwas das meinen Werten entspricht, Werte, die mir wichtig sein, wie Freiheit, Gleichheit, Vielfalt, Freiheit usw. Diese Werte will ich stärken und wenn notwendig auch verteidigen. Ich möchte einen Raum bieten, in dem Menschen sich gleichwertig begegnen können, sich austauschen, auch mal streiten und respektvoll miteinander umgehen. Und all das will ich nicht alleine machen, sondern mit anderen zusammen.