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Logo "Tacheles - Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026". Links ist eine halbe Menorah in blauen Farbtönen zu sehen.

Interview mit Nora Schmid, Intendantin der Semperoper Dresden

Eine Frau mit blauen Oberteil, Nora Schmid, hinter der Bühne.
Intendantin Nora SchmidArmac Garbe.

Geboren in Bern, studierte Nora Schmid in ihrer Heimatstadt und in Rom Musikwissenschaften und Betriebswirtschaft. Neben beruflichen Stationen in Basel, Berlin, Biel-Solothurn, Wien und Graz, wirkte sie bereits von 2010 bis 2014 als Chefdramaturgin an der Semperoper. Im Jahr 2024 ist Nora Schmid nun als Intendantin an die Elbe zurückgekehrt.

Frau Schmid, seit der Spielzeit 2024/25 sind Sie als Intendantin wieder an der Semperoper. Wie war die Wiederkehr?
Die Rückkehr war für mich tatsächlich etwas sehr Besonderes. Ich kannte Dresden und die Semperoper ja bereits gut aus meiner früheren Tätigkeit, zuerst als Chefdramaturgin und später auch in der Interimsleitung. Deshalb fühlte es sich nicht wie ein kompletter Neuanfang an, sondern eher wie ein Wiederanknüpfen. Wieder an diesem wunderschönen Haus wirken zu können, dessen Tradition und künstlerische Qualität mich seit Jahren begeistern, ist einfach großartig.

Sie haben früher selbst viel Musik gemacht. Vermissen Sie das aktive Musizieren?
Das Singen hat meine Liebe zur Musik natürlich mitgeprägt und sicherlich die Wahl meines weiteren beruflichen Werdegangs beeinflusst. Aber meine jetzige Aufgabe als Intendantin eines Opernhauses erfüllt mich doch sehr viel mehr. Ich kann künstlerische Prozesse gestalten, Programme entwickeln und mit vielen unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten. Das ist eine andere, aber ebenso kreative Form, Teil des Geschehens zu sein.

Wie setzt sich denn das Publikum, dass die Aufführungen der Semperoper an den verschiedenen Veranstaltungsorten besucht, zusammen und wie groß ist der Zuspruch?
Der Zuspruch ist nicht nur erfreulich hoch, sondern sogar steigend. Wir haben mit einer Auslastung von über 96 % im Jahr 2025 und sogar bis zu 99 % in einzelnen Monaten die besten Besucherzahlen seit über fünfzehn Jahren. Unser Publikum ist dabei sehr gemischt und reicht über ein treues Stammpublikum bis hin zu viele neuen Besucherinnen und Besuchern und es freut mich besonders, dass auch viele jüngere Menschen unsere Angebote wahrnehmen.

Wieso sind Kunstformen wie Oper und Ballett heute noch relevant und für ein junges Publikum interessant?
Weil Musiktheater eine unglaubliche Kraft haben kann!
Ich bin mir sicher, die Aktualität liegt in der Vielfalt und im Mut zur Erneuerung. Wir spielen große Klassiker, Werke, die selten gezeigt werden oder ganz neu sind. Produktionen wie beispielsweise Kaija Saariahos „Innocence“ oder unsere aktuellen Ballette begeistern unser Publikum und reißen es zu stehenden Ovationen hin. Wenn Emotionalität, Visualität und Aktualität mit künstlerischer Qualität Hand in Hand gehen und zum Dialog auffordern, erreichen wir ein Publikum.

Die Semperoper ist eine der wichtigsten sächsischen Kulturinstitutionen, an der Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen wirken, ob als Sänger, Techniker, Bühnenbildner oder Tänzer. Welche Rolle spielten Jüdinnen und Juden in der Geschichte der Semperoper?
Die europäische Opernkultur wäre ohne die Einflüsse der Menschen aus dem jüdischen Kulturkreis gar nicht denkbar. Auch in der Semperoper haben sie das Musikleben entscheidend mitgeprägt. Gleichzeitig gehört es zu den dunkelsten Kapiteln der jüngsten Geschichte, dass viele Künstlerinnen und Künstler, aber auch Mitarbeitende der Verwaltung, der Werkstätten und der technischen Gewerke während der NS-Zeit ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden. Diese Verantwortung nehmen wir als Sächsische Staatsoper sehr ernst, indem wir relevante Themen bewusst im Spielplan reflektieren.

Wie kam es dazu, dass der Stummfilm „Stadt ohne Juden“ von 1924 als Aufführung mit Livemusik am 28. Mai in den Spielplan aufgenommen wurde?
Solch ein Werk passt sehr gut zu unserem Ansatz, gesellschaftliche Themen auf für ein Opernhaus vielleicht ungewohnte Weise aufzugreifen. Der Stoff ist historisch, aber zugleich erschreckend aktuell. Gerade im Rahmen von „Tacheles – dem Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ wird deutlich, wie wichtig es ist, Gesellschaftsprozesse sichtbar zu machen und zur Diskussion zu stellen. Besonders spannend ist dabei die Einbindung der zeitgenössischen Komponistin Olga Neuwirth, deren Musik expressiv und ungewöhnlich ist. In der Semperoper interpretiert das Ensemble PHACE unter der musikalischen Leitung von Nacho de Paz die Komposition.

Was für ein Erlebnis erwartet die Besucher an diesem Abend?
Die Besucher erwartet ein sehr eindringlicher Abend. Durch die Verbindung von Film mit Livemusik und gesprochenem Text entsteht ein audiovisuell unmittelbarer, intensiver Zugang, der das Publikum emotional anspricht.

Der Film basiert auf einem Roman des jüdischen Autors Hugo Bettauer von 1922. In der gezeigten Stadt, ein leicht verfremdetes Wien, herrscht eine massive Unzufriedenheit und Untergangsstimmung in der Bevölkerung vor, aufgrund von Arbeitslosigkeit und Inflation. Die Einwohner erleben ein Gefühl des Verlustes, die Angst vor sozialem Abstieg und erregen sich leicht in Streitgesprächen. Das kommt einem bekannt vor, oder?   
Ja, diese Parallelen sind kaum zu übersehen. Themen wie wirtschaftliche Unsicherheit, Angst vor sozialem Abstieg, vor dem Fremden und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen sind auch heute wieder präsent und bestimmen zum Teil auf erschreckende Weise die öffentliche Debatte. Genau deshalb ist es wichtig, solche Stoffe auf die Bühne zu bringen und dazu anzuregen, die Welt mit wachen Augen und Ohren wahrzunehmen.

Der Schauspieler Jörg Schüttauf wirkt an der Aufführung als Sprecher mit. Was für eine Rolle kommt ihm zu?
Wir freuen uns sehr, dass wir den in Chemnitz geborenen Schauspieler Jörg Schüttauf für dieses Projekt gewinnen konnten. Er übernimmt eine wichtige vermittelnde Funktion, wenn er am 28. Mai in der Semperoper aus Hugo Bettauers geradezu prophetischen Roman liest. Seine Stimme hilft dabei, den Film für das heutige Publikum zugänglich zu machen, schafft Struktur und verstärkt die emotionale Wirkung des Abends.

Sie sprachen in einem Interview davon, dass die Oper ein gutes Training für Empathie sei. Was könnte die Vorstellung bewirken?
Musiktheater ermöglicht es uns, andere Perspektiven einzunehmen und emotionale Erfahrungen nachzuvollziehen. Auch unsere aktuellen Produktionen zeigen, wie stark das Publikum darauf reagiert, oft mit großer Begeisterung und intensiven Reaktionen. Ein Abend wie dieser kann dazu beitragen, sensibler für gesellschaftliche Entwicklungen zu werden und sich bewusst zu machen, dass Verantwortung fürs menschliche Miteinander im Handeln jedes Einzelnen beginnt.

Was ist Ihr liebstes jiddisches Wort?
„L’chaim“ – „auf das Leben“. Für mich steckt darin alles, was ich an meiner Arbeit liebe, nämlich Freude, Energie und vor allem Begegnung. Begegnungen zwischen Menschen, die sich von Geschichten, Emotionen und Musik berühren lassen. In der Semperoper spürt man diese Verbindungen besonders intensiv, und genau daran erinnert mich „L’chaim“ jedes Mal.