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Logo "Tacheles - Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026". Links ist eine halbe Menorah in blauen Farbtönen zu sehen.

Interview mit Prof. Maria Häusl, Organisatorin des Begleitstudiums zum Jüdischen Alltag heute

Seit diesem Sommersemester wird an der Technischen Universität Dresden das Begleitstudium „Jüdischer Alltag in Deutschland: Zwischen Bürgerrechten, Antisemitismus und #niewieder“ angeboten. Verantwortlich für dieses Zertifikatsprogramm zeichnet sich Prof. Dr. Maria Häusl, die seit 2006 den Lehrstuhl für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität innehat. Seit 2025 ist sie zudem die Beauftragte gegen Antisemitismus an der TU Dresden und sitzt als Vertreterin der Katholischen Kirche Sachsens im Kuratorium des Themenjahres. Wir haben mit Prof. Häusl über den Studiengang gesprochen.

Prof. Dr. Maria Häusl im Porträt
Prof. Dr. Maria Häusl

Frau Prof. Häusl, wieso wird seit diesem Sommersemester das Begleitstudium zum Jüdischen Alltag in Deutschland angeboten?
Eine fundierte Antisemitismuskritik, die vor allem die gegenwärtigen Formen des Antisemitismus einordnet und zu einer sicheren Handlungsfähigkeit im Umgang damit führt, ist in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten, vor allem in Bildungseinrichtungen sehr angezeigt, wie die massive Zunahme des Antisemitismus in Deutschland seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7.10.2023 zeigt.
Das Begleitstudium greift die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule aus dem Jahr 2021 auf, die zusammen mit Zentralrat der Juden in Deutschland und der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten herausgegeben und im Herbst 2025 inhaltlich präzisierend ausgestaltet wurden. Sie sehen vor, dass antisemitismuskritische Bildung in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung mit dem Ziel eines kumulativen Kompetenzaufbaus verankert wird. Als freiwilliges Zertifikatsangebot ermöglicht das Begleitstudium eine einschlägige Profilbildung in der ersten Phase der Lehrkräftebildung.
Zeitlich startet das Begleitstudium während des landesweiten Jahres der jüdischen Kultur in Sachsen 2026 „TACHELES Jüdisch – sächsisch – mentshlich“. Das Begleitstudium ist ein wichtiger Beitrag der TU Dresden zum Jahr der Jüdischen Kultur.

An die Studierenden welcher Fachrichtungen richtet sich das Zertifikatsprogramm und was soll mit dem Begleitstudium erreicht werden?
Das Begleitstudium richtet sich an Studierende in den Lehramtsstudiengängen aller Schularten an der TU Dresden, unabhängig von den studierten Fächern. Bei verfügbarer Kapazität ist es auch für Studierende, die nicht Lehramt studieren, wählbar.
In dem Studium wird fundiertes Wissen zum Judentum und zu aktuellen Formen des Antisemitismus vermittelt sowie Kompetenzen, um antisemitismuskritische Bildungsarbeit betreiben zu können und Handlungsfähigkeit im Umgang mit Antisemitismus zu erlangen.

Wie stark werden auch jüdische Institutionen und Referenten in das Studium eingebunden und waren auch Teil der Konzeption?
Zum unverwechselbaren Profil des Begleitstudiums gehört das Einbeziehen und die Sichtbarmachtung jüdischer Stimmen, der multiperspektivische Zugang durch die Beteiligung von Hochschullehrer:innen aus verschiedenen Fächern und die Kooperation mit Bildungseinrichtungen und Projekten vor Ort.
Im Modul 1: „Jüdisches Leben in Deutschland“ wird die Lehre von jüdischen Dozierenden bzw. von HATiKVA – Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e. V übernommen. Auch in den folgenden beiden Modulen, die sich mit den Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus und mit der nachhaltigen Ausrichtung schulischer Bildungsprozesse gegen Antisemitismus sowie dem Umgang mit Antisemitismus (an Schulen) befassen, werden jüdische Einrichtungen (vor Ort) mitwirken. Bereits bei der Konzeption wurden vielfältige Gespräch mit den jüdischen Gemeinden und mit Einrichtungen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, geführt. Zu nennen sind neben HATiKVA – Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e. V. etwa das Ariowitsch-Haus in Leipzig, das das Fachnetzwerk gegen Antisemitismus in Sachsen verantwortet, die Meldestelle Antisemitismus RIAS Sachsen und OFEK Sachsen, Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. 

Wie ist die Resonanz bei den Studierenden bisher?
Wir freuen uns sehr, dass sich bei 25 ausgeschriebenen Plätzen 27 Studierende angemeldet haben, die sehr motiviert sind. Die Werbung für den im SoSe 2027 startenden Kurs hat bereits begonnen.

Gibt es vergleichbare Studiengänge an anderen deutschsprachigen Hochschulen?  
Vergleichbare freiwillige Zertifikatangebote für Studierende (im Lehramt) gibt es meines Wissens in Deutschland an der Universität Würzburg, der Universität Bamberg, der Universität Düsseldorf, der Universität Tübingen, der Universität Kiel, der Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und an den Universitäten mit Lehramtsausbildung in Niedersachsen.

Sie sind die Programmverantwortliche des Studienganges und Professorin für biblische Theologie. Woher rührt Ihr wissenschaftliches Interesse am Judentum?
Mein Schwerpunkt in der biblischen Theologie ist die Auslegung des Alten Testaments, das das Christentum als Heilige Schrift mit dem Judentum teilt. Ich forsche insbesondere zur sogenannten „2nd temple period“, speziell zum Buch Esra-Nehemia und die Bedeutung der Tora als autoritative Schrift. Das Judentum (und zwar nicht nur in seinen antiken Ausformungen) zu kennen, gehört zur fachlichen und theologischen Selbstverständlichkeit, wobei ich keine judaistische Spezialistin bin. In der Lehre biete ich regelmäßig eine Vorlesung zu den Anfängen des christlichen Antijudaismus an, der maßgeblich ist für die Ausprägungen auch der aktuellen Formen des Antisemitismus.

Seit 2025 haben Sie den Posten als Beauftragte gegen Antisemitismus an der TU Dresden übernommen. Welche Aufgaben ergeben sich aus dieser Stelle konkret und wie stark ist Antisemitismus an der Hochschule verbreitet?
Als Beauftragte gegen Antisemitismus arbeitet ich auf der Grundlage der TUD „Compliance im Miteinander“ zusammen mit anderen verantwortlichen Stellen an der TUD daran, für Antisemitismus zu sensibilisieren und im Handeln gegen Antisemitismus zu professionalisieren. Ich begleite Veranstaltungen mit antisemitismuskritischer Perspektive und wirke an Handlungs- und Kommunikationskonzepten mit. Ich bin Ansprechpartnerin für jüdische und nicht-jüdische Studierende und TUD-Angehörige und bei antisemitischen Vorfällen.
Der Bericht der Meldestelle RIAS Sachsen Antisemitische Vorfälle in Sachsen 2024 zeigt, „dass der 7. Oktober 2023 eine Bruchstelle markiert: Die Schwelle zur offenen antisemitischen Aggression wurde vielfach überschritten – mit spürbaren Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl und die Alltagspraxis jüdischer Gemeinschaft in Sachsen.“ Der Bericht belegt v.a. „eine deutliche und anhaltende Zunahme antisemitischer Vorfälle an Bildungseinrichten in Sachsen.“ Für das Jahr 2024 erfasste RIAS Sachsen 49 antisemitische Vorfälle an Bildungseinrichtungen, davon 28 an Hochschulen. Dabei handelte es sich bei knapp der Hälfte der Vorfälle um antisemitische Schmierereien, Aufkleber oder Plakate. Es gab auch antisemitische Versammlungen und körperliche Angriffe auf israelsolidarische Studierende, bisher jedoch nicht an der TU Dresden.

Wie schätzen Sie das religiöse Zusammenleben der christlichen Konfessionen und dem Judentum in Deutschland ein?
In der Mitte des 20. Jh. begann das Umdenken der christlichen Kirchen gegenüber dem Judentum. Angesichts der Shoa wurden sich die Kirchen ihrer Verantwortung und der Schuld des Christentums am Antisemitismus und der Shoa bewusst und formulierten diese auch. Für die katholische Kirche markiert das 2. Vaticanum (1962-65) mit der Deklaration Nostra Aetate diesen Wendepunkt. Seither gibt es sowohl in der akademischen Theologie also auch zwischen den Kirchen und jüdischen Einrichtungen sehr fruchtbare Dialogformate. Ich wünsche mir, dass die dort formulierten Einsichten und Haltungen, insbesondere die Wertschätzung des aktuellen jüdischen Lebens in allen christlichen Gemeinden ankommt und ihr Glaubensleben prägt.    

Was ist Ihr liebstes jiddisches Wort?
„Einen guten Rutsch“ Auch wenn die Ableitung des Neujahrswunsches vom Hebräischen rosch haschana (über das Jiddische) nicht ganz sicher ist, begleitet mich die Deutung seit ich selbst Hebräisch gelernt habe und gibt einem ansonsten sinnlosen Wunsch Bedeutung.