EIN JÜDISCHES KULTURFEST IM VOGTLAND? NA KLAR!
Ein Interview mit der Organisatorin von BALAGAN Petra Steps
Seit dem ersten Septemberwochenende läuft das jüdische Kulturfestival BALAGAN im Vogtland. Bis zum 20. November können Interessierte in dutzenden Angeboten verschiedene Aspekte der jüdischen Kultur kennenlernen. Doch wie organisiert sich so ein Festival? Wir haben mit der Organisatorin Petra Steps darüber gesprochen.
Wie kam es zu der Idee des Festivals BALAGAN?
Im Vogtland gibt es ein loses Netzwerk von Menschen, die sich auf ganz verschiedene Art mit Themen um Judentum, jüdische Kultur, Glauben, Israel beschäftigen. Von 2022 bis 2024 wurden Jüdische Kulturtage durch das Landratsamt mit verschiedenen Partnern organisiert. Der Vogtländische Israelverein (VOIS) e.V. mit Rico Drechsler als Vereinsvorsitzenden und ich als Journalistin und Kulturvermittlerin gehörten zu diesem Team, genau wie zur Arbeitsgruppe Bruchstelle 1938 zur Rettung der Synagogenmauer. 2025, mit dem Wechsel der Förderperiode von „Demokratie leben“, fiel das Projekt aus. Als kleinen Ersatz organisierten wir die deutsch-israelische Begegnungswoche „Getrommelt & gerührt“. Ende Februar erfuhren Rico Drechsler und ich bei einem Gespräch im Landratsamt, dass keine Jüdischen Kulturtage geplant sind. Wir schauten uns kurz in die Augen und begannen zu planen, mit Partnern zu sprechen, Kooperationspartner nach ihren Plänen für den Herbst zu fragen. Das Interesse und die Bereitschaft waren enorm, was uns auf unserem Weg bestärkte.
BALAGAN stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Chaos“. Wieso diese Wahl?
Ich bin bekennender Fan der israelisch-österreichischen Köchin, Kochbuch-Autorin und Restaurantbetreiberin Haya Molcho. Sie erklärt in ihren Kochkursen immer, dass Balagan das meistbenutzte Wort in Tel Aviv ist und „sympathisches Chaos“ bedeutet. Das hat mich angefixt. Wir wollten einerseits die Tradition der Kulturtage nicht sterben lassen, andererseits aber etwas kreieren, das zu uns passt. Rico Drechsler vom Projektträger VOS e.V. war schnell überzeugt und meine „Testpersonen“, unter anderem auch Anja Lippe von Tacheles, fanden die Idee gut. Inzwischen haben wir uns in das Wort verliebt und ich bezeichne unsere Mitstreiter gern als Balaganisten.
Was für Angebote erwarten die Besucherinnen und Besucher bei BALAGAN?
Einige der interessanten Veranstaltungen sind leider schon vorbei, aber wir haben noch Workshops in Kochen, Perkussion und Tanzen, mehrere Ausstellungen, es gibt Konzerte, Lesungen, Führungen, Gesprächsabende. Insgesamt landen wir mit den Aktivitäten der Kooperationspartner und den nichtöffentlichen Schulveranstaltungen bei über 50 Aktivitäten. Gerade kamen noch ein paar dazu. Das komplette Programm finden Sie unter www.vois-verein.de
Option: Das Festival läuft seit knapp einem Monat. Wie ist das erste Feedback von Seiten der Besucherinnen und Besucher?
Wir haben bisher nur positives Feedback erhalten und auch schon richtige Stammgäste, die zu vielen Veranstaltungen kommen. In Mails oder Nachrichten werden vor allem die Vielfalt und die regionale Verwurzelung gelobt. Mir wurde erzählt, dass selbst in Dresden an prominenter Stelle auf unser Festival hingewiesen wurde.
Im Vogtland gibt es aktuell keine jüdischen Gemeinden. Nehmen jüdische Akteure und Kooperationspartner an dem Festival teil?
Natürlich, wir haben sehr viel Wert auf Authentizität gelegt, auch wenn ich hier nicht alle nennen kann. Unser Schirmherr ist der israelische Choreograph und Tänzer Oded Ronen, der seine familiären Wurzeln in Plauen hat. Yogev Shetrit, ein israelischer Drummer, den ich 2018 in Jerusalem an einer Bushaltestelle kennengelernt habe, kommt seit 2019 jedes Jahr ins Vogtland zu Konzerten und Workshops. Mit ihm und der litauischen Sängerin und Pianistin Akvile Kalinaite haben wir ein Programm mit Liedern aus dem Ghetto Wilna zusammengestellt, die in einem von Hentrich & Hentrich herausgegebenen Liederbuch neu bearbeitet wurden. Einer der Herausgeber ist im Vogtland geboren und aufgewachsen und heute Professor in den USA und an einen Centre for Judaic Studies and Contemporary Jewish Life tätig.
Sally Ido, eine Deutsch-Israelin aus Reichenbachs Partnerstadt Ma’alot-Tarshiha, stellt ihre Bilder aus und unterstützt verschiedene Veranstaltungen. Wir haben die Schriftstellerinnen Mirna Funk und Barbara Bišický-Ehrlich eingeladen, unsere Kooperationspartner Musiker wie die Klezmatics oder das Duo Shayna. Ins Theater Plauen kommt André Ochodlo, ein in Polen lebender Jude, der seine Kinder- und Jugendzeit in Plauen verbrachte. Zur Eröffnungsveranstaltung traten Lea Streisand und André Herzberg auf.
Spielen auch die regionale vogtländische Identität und Geschichte eine Rolle bei dem Programm?
Jüdische Künstler mit Bezug ins Vogtland habe ich bereits genannt. Aus Plauen kommt auch Reglindis Rauca, Enkeltochter des „Schlächters von Kaunas“, die uns von ihrem Weg der Versöhnung berichtete. Zu Rosh HaShana waren wir auf dem Obstwiesenhof von Jonas Hommel, der zum Verein VOIS gehört. Es gab eine Führung auf dem Jüdischen Friedhof Plauen. Schüler des Goethe-Gymnasiums Reichenbach und der BSZ e.o.plauen gestalten Ausstellungen mit Fotos von Studienfahrten nach Theresienstadt und Prag. Eine Schülerin aus Reichenbach hat sich mit Dichtung und Wahrheit im Buch „Die Brücke von Weißensand“ auseinandergesetzt. Dort geht es um die Rettung von zwei jüdischen Frauen beim Todesmarsch in einem vogtländischen Dorf. Der Verein Jesus für Plauen und das Vogtland, unser engster Partner und Mitgestalter, war genau wie Schulleiterin Simone Dürbeck zur Schulung für das Laubhüttenfest beim Verein Notenspur Leipzig, auf den ich bei einer Tacheles-Veranstaltung traf.
Sie sind Krimiautorin, Herausgeberin und Journalistin, wie wurden Sie zur Festivalorganisatorin?
BALAGAN ist nicht das erste Festival, das ich mit organisiere. Bis vor Corona war ich für den Förderverein Schloss Netzschkau Intendantin der KrimiLiteraturTage Vogtland, vorher für ein Frübarockmusikfestival zu Ehren von Komponisten aus dem Vogtland.
Meiner Krimi-Protagonistin Adina, die jüdische Wurzeln in Chemnitz hat und Krav Maga liebt, fallen immer Kriminalfälle vor die Füße, mir eben Festivals und andere Events. Ich betrachte mich dabei als Kulturvermittlerin und Netzwerkerin. Mein Lebensmotto ist: Des Menschen Gaben sind seine Aufgaben.
Woher stammt ihr Interesse für jüdische Religion und Kultur?
Definitiv nicht von einer unbekannten jüdischen Großmutter oder aus religiösen Gründen. Die lange Geschichte in Kurzfassung: Ich bin DDR-sozialisiert, hatte keine Kontakte zu Juden und kannte nur das, was unsere Medien berichteten. Nach dem Tod von Yitzchak Rabin habe ich begonnen, alles Mögliche über Israel zu lesen, Bücher seiner Frau und seiner Enkeltochter, Biografien von Teddy Kollek oder anderen Persönlichkeiten, israelische Belletristik. Dabei tauchten jede Menge Widersprüche zu dem auf, was ich bisher wusste.
Als meine drei Söhne größer waren, wollte ich mir das vor Ort selbst anschauen. 2013 nahm mich Werner Hartstock (israelreise.de), den ich u.a. von Veranstaltungen der Sächsischen Israelfreunde in Reichenbach kannte, zu einer sehr intensiven Reise für Reiseleiter mit. Dort lernte ich auch Sally Ido kennen, die inzwischen in Reichenbach wohnt. Nach drei Tagen war ich mir sicher: Ich muss in einem anderen Land sein als in dem, das mir in den Medien präsentiert wurde. Seitdem habe ich mich gründlich mit Israel beschäftigt, das Land privat auf und ab bereist, ohne überall gewesen zu sein, als Volontär im Medizinstützpunkt der IDF gearbeitet, viele Kontakte geknüpft, auch zu Nachfahren von Reichenbacher Juden, die ich besuchte. Mit dem letzten in Reichenbach geborenen Juden verband mich eine Freundschaft bis zu seinem Tod.
Wird es auch im nächsten Jahr eine Ausgabe von BALAGAN geben?
Wir gehen davon aus, dass das Projekt im kommenden Jahr eine Neuauflage erfährt, abhängig natürlich von der Finanzierung. Und wir bedauern sehr, dass das Tacheles-Jahr nicht verstetigt wird. Das Tacheles-Team in Chemnitz war uns eine große Hilfe und wir bedanken uns schon jetzt für die Unterstützung.
Haben Sie neben „Balagan“ ein weiteres jiddisches oder hebräisches Lieblingswort?
Na klar! Schlamassel. Wobei mir Massel (Glück) natürlich lieber ist.
