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Zur Planung des Gedenkortes Alter Leipziger Bahnhof

Ein Interview mit André Lang, Sprecher des Förderkreises Gedenk-, Begegnungs- und Lernort Alter Leipziger Bahnhof

Sprecher André LangPrivat

Geboren in England ist André Lang seit Jahren aktiv im Förderkreis, um die Ruine des Alten Leipziger Bahnhofs in Dresden zu einem Lern- und Gedenkort umzuwidmen. Am 29. Januar 2026 beschloss der Dresdener Stadtrat mit knapper Mehrheit dieses Projekt weiter zu unterstützen. Zuvor gab es bereits seit Oktober des Vorjahres Gegenwind für das Projekt. Wir haben mit Herrn Lang über die Entwicklungen gesprochen.

Herr Lang, warum ist das Gelände des Alten Leipziger Bahnhofs ein historisch bedeutsamer Ort?

André Lang: Der Alte Leipziger Bahnhof steht für über 185 Jahre Dresdner Stadtgeschichte. An ihm lässt sich die Entwicklung Dresdens zur modernen Großstadt exemplarisch nachvollziehen – vom frühen Personenbahnhof zum bedeutenden Güter- und Verkehrsknotenpunkt Sachsens.
Im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände zu einem zentralen Umschlagsplatz für Rüstungsgüter. Für das NS-Regime war der Bahnhof ein wichtiger regionaler Knotenpunkt. Über ihn wurden Waren transportiert, die unter Einsatz tausender Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter produziert wurden. Der Ort war damit Teil der nationalsozialistischen Kriegs- und Vernichtungsökonomie.
Ab 1942 wurde der Alte Leipziger Bahnhof zum Deportationsbahnhof – und damit zu einem sichtbaren Ort staatlich organisierter Verfolgung mitten in der Stadt. Am 21. Januar 1942 verhafteten Beamte der Geheimen Staatspolizei und der Schutzpolizei rund 224 jüdische Dresdnerinnen und Dresdner in ihren Wohnungen. Noch in derselben Nacht wurden sie mit dem wenigen Gepäck, das ihnen blieb, an den Bahnhof gebracht, dort kontrolliert, enteignet und in bereitstehende Waggons gedrängt. Vier Tage später erreichte der Transport das Ghetto Riga – für die meisten endete er im Tod.
Am 3. März 1943 folgte die Deportation von 297 weiteren Dresdner Jüdinnen und Juden in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Viele von ihnen waren zuvor als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für das Rüstungsunternehmen Zeiss Ikon in den nahegelegenen Göhle-Werken eingesetzt und seit November 1942 im sogenannten „Judenlager Hellerberg“ interniert gewesen.
Der Alte Leipziger Bahnhof ist deshalb nicht nur ein Ort der Infrastruktur- und Verkehrsgeschichte, sondern ein zentraler Erinnerungsort. Er steht für Modernisierung und wirtschaftlichen Aufstieg – und zugleich für Antisemitismus, staatlich organisierte Verfolgung und Vernichtung und das weitgehende Schweigen der Stadtgesellschaft darüber.

Was plant der Förderkreis mit diesem Ort? 

AL: Wir wollen keinen abgeschlossenen Erinnerungsraum, sondern einen Ort, an dem Geschichte und Gegenwart bewusst aufeinandertreffen.
Der Alte Leipziger Bahnhof soll zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte mit sachsenweiter Perspektive auf die Deportationsgeschichte im Nationalsozialismus entwickelt werden. Die inhaltliche Ausrichtung ergibt sich aus dem historischen Ort selbst: Von hier aus wurden Jüdinnen und Juden aus Dresden und Sachsen deportiert. Diese Geschichte soll am authentischen Ort sichtbar und verstehbar werden.
Zielgruppen sind insbesondere junge Menschen in Sachsen – Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende. Bereits in der Übergangsphase, während Sanierung und Restaurierung laufen, beginnen wir mit Bildungsangeboten. Geplant sind eine Dauerausstellung zur Deportationsgeschichte in Sachsen sowie wechselnde Sonderausstellungen. Hinzu kommen Lesungen, künstlerische Formate und Veranstaltungen, die eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart ermöglichen.
Ein zentrales Vorhaben ist der Aufbau eines Archivs. Viele Dokumente zur jüdischen Geschichte in Dresden sind bislang verstreut und teilweise nicht professionell gesichert. Diese Bestände sollen zusammengeführt, wissenschaftlich aufgearbeitet und Forschenden vor Ort wie überregional zugänglich gemacht werden. Bis heute wissen wir beispielsweise zu wenig über konkrete Deportationszahlen und die vielen Einzelschicksale Dresdner Juden und Jüdinnen. Diese Biografien sichtbar zu machen, ist ein Kernanliegen – gerade um Geschichte für junge Menschen greifbar zu machen.
Die jüdischen Gemeinden in Sachsen sind von Beginn an in das Projekt eingebunden und unterstützen die Entwicklung des Ortes ausdrücklich. Die Begegnungsstätte soll Raum für gegenwärtiges jüdisches Leben, für kulturelle Veranstaltungen und für gesellschaftlichen Dialog bieten. Erinnerung und lebendige Gegenwart werden bewusst zusammengedacht.
Geplant sind zudem flexible Bildungs- und Veranstaltungsräume sowie ein Lesecafé mit Bistro. Dadurch entsteht ein offener Ort mit Aufenthaltsqualität, der in das neu entstehende Quartier integriert ist. Gerade diese Lage bietet die Chance, dass Erinnerung nicht abseits stattfindet, sondern Teil des Alltags wird.
Die Verbindung von authentischem Deportationsort, wissenschaftlicher Aufarbeitung, Bildungsarbeit und Begegnung schafft einen Erinnerungsort, der über Dresden hinaus Bedeutung hat – fachlich fundiert, gesellschaftlich offen und zukunftsorientiert.

Wie viele Mitglieder umfasst der Förderkreis und wer engagiert sich im Verein?

AL: Der Förderkreis umfasst derzeit ca. 40 Mitglieder. Viele von ihnen sind auch in anderen Vereinen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv und haben sich für das gemeinsame Ziel zusammengefunden. Dazu gehören auch Menschen, die sich seit vielen Jahren mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte in Dresden beschäftigen, ebenso wie jüngere Engagierte, die sich für Erinnerungskultur und Demokratie einsetzen.
Von Beginn an sind auch die jüdischen Gemeinden der Stadt eingebunden. Ihr Mitwirken ist uns ein besonderes Anliegen. Besonders prägend ist die Unterstützung durch die Chemnitzer Holocaust-Überlebende Renate Aris, die sich seit vielen Jahren für die Erinnerungsarbeit am Alten Leipziger Bahnhof engagiert. Ebenso war die Ende 2024 verstorbene Nora Goldenbogen, s. A., langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, eine wichtige Unterstützerin. Der Förderkreis versteht sich bewusst als offenes Bündnis. Das Projekt lebt vom zivilgesellschaftlichen Engagement – und soll weiter wachsen. Deshalb laden wir ausdrücklich weitere Interessierte ein, sich einzubringen und Verantwortung für diesen Ort zu übernehmen.

Das Verbrechen der Shoah erstreckte sich ja deutschland- und europaweit. Ist der Förderkreis im Austausch mit anderen Institutionen und Initiativen mit einer ähnlichen Thematik?

AL: Der Förderkreis hat für die Stadt Dresden ein mögliches Betreiberkonzept entwickelt und dabei von Beginn an den Austausch mit vergleichbaren Erinnerungsorten gesucht. Ziel ist es, von bestehenden Erfahrungen zu lernen und fachliche Standards in Forschung, Archivarbeit und Bildungsarbeit zu berücksichtigen. Bereits etablierte Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Deutschland können wichtige Impulse für die Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs liefern, weshalb wir uns einige dieser Orte während der Konzepterstellung sehr intensiv angeschaut haben. 
Es bestehen sich stetig vertiefende Kontakte zu Erinnerungsorten in mehreren deutschen Städten, unter anderem in Hamburg, um sich über Ausstellungskonzepte, pädagogische Formate und Trägerstrukturen auszutauschen. Darüber hinaus gab es bereits einen intensiven Austausch mit der Begegnungsstätte am historischen Ort des Ghettos in Riga. Dieser Kontakt ist besonders bedeutsam, weil dorthin im Januar 1942 die ersten Dresdner Jüdinnen und Juden deportiert wurden.
Für dieses Jahr ist eine Delegationsreise nach Riga geplant. Ziel ist es, die historischen Orte vor Ort kennenzulernen, bestehende Kooperationen zu vertiefen und eine langfristige Zusammenarbeit aufzubauen. Erinnerung an die Shoah ist keine rein lokale Aufgabe – sie ist europäisch. Entsprechend versteht sich auch das Projekt am Alten Leipziger Bahnhof als Teil eines überregionalen und internationalen Netzwerks von Erinnerungsorten.

Wie verlaufen die Debatten zu dem Projekt in der Stadt und in der lokalen Politik?

AL: Auf politischer Ebene gibt es grundsätzlich breite mündliche Zustimmung für die Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte. Das Vorhaben wird parteiübergreifend als historisch und gesellschaftlich bedeutsam anerkannt.
Die zentrale Herausforderung liegt derzeit jedoch in den Eigentumsverhältnissen. Das Gelände gehört noch nicht der Stadt Dresden. Hintergrund ist ein komplexer Abstimmungsprozess mit den aktuellen Eigentümern aus dem Umfeld der Globus SB-Warenhaus Holding.
Solange diese Frage nicht abschließend geklärt ist, bleibt die Realisierung des Projekts in zentralen Punkten abhängig von politischen und vertraglichen Lösungen. Es gibt jedoch die berechtigte Hoffnung, dass hier zeitnah eine tragfähige Einigung erzielt werden kann.

Im Oktober 2025 stimmte der Dresdener Kulturausschuss gegen eine finanzielle Unterstützung des Förderkreises bei der Fortführung seiner Arbeit. Im Stadtrat schließlich fand ein Kompromissvorschlag mit einer  knappen Mehrheit von einer Stimme die Zustimmung. Was waren die Gründe für die Ablehnung und wie wird der Beschluss die Arbeit des Förderkreises 2026 beeinflussen?

AL: Die Ablehnung im Kulturausschuss war aus unser Sicht klar politisch motiviert. Obwohl der Stadtrat die Mittel für 2025 und 2026 bereits eingestellt hatte, wurden sie nicht freigegeben. Begründet wurde dies unter anderem mit ungeklärten Eigentumsfragen und dem Umfang des Konzepts. Tatsächlich führte die Entscheidung zu einer faktischen Blockade der weiteren inhaltlichen Arbeit.
Für uns war das problematisch, weil es hier nicht um ein Projekt unter vielen geht, sondern um die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen in Dresden und damit um unsere historische Verantwortung. Wenn beschlossene Mittel für diese Arbeit zurückgehalten werden, sendet das ein schwieriges Signal.
Mit der knappen Mehrheit im Januar 2026 ist nun eine Entscheidung getroffen worden. Das schafft zunächst kurzfristige Planungssicherheit für 2026 und ermöglicht es uns, Forschung, Bildungsangebote und Vernetzung fortzuführen. Die Abstimmung war eng, aber sie ist eindeutig. Jetzt geht es darum, die Arbeit sachlich und kooperativ weiterzuführen und zu zeigen, warum dieser Ort für Dresden unverzichtbar ist.

Ein Punkt der Skeptiker gegen das Projekt ist die Frage nach den Eigentumsverhältnissen des Grundstückes, auf dem sich der Bahnhof befindet. Dieser gehört dem Investor Globus. Es bestehen die Bedenken, dass städtisches Geld in Konzepte gesteckt wird, die am Ende in der Realität am Eigentümer scheitern. Was entgegen Sie den Bedenkenträgern?  

AL: Die Sorge ist verständlich. Gleichzeitig hat die Eigentümerseite – die Globus-Gruppe – klar signalisiert, dass sie das Projekt unterstützt und gemeinsam mit der Stadt eine Lösung anstrebt. Es geht also nicht um grundsätzliche Ablehnung, sondern um ein komplexes Verfahren.
Wichtig ist: Wir dürfen die inhaltliche Arbeit nicht aufschieben, bis jede formale Frage abschließend geklärt ist. Wenn wir jetzt nicht weiterplanen, verlieren wir Jahre. Erinnerungsarbeit beginnt nicht erst mit einem fertigen Gebäude. Führungen, Lesungen und Bildungsangebote mit Schulklassen finden bereits statt. Wir machen den Ort jetzt schon sichtbar und zugänglich. Deshalb treiben wir Planung, Forschung und Bildungsangebote parallel voran. Führungen, Lesungen und Arbeit mit Schulklassen finden bereits statt.
Die Eigentumsfrage muss gelöst werden – aber sie darf nicht dazu führen, dass notwendige Erinnerungsarbeit auf unbestimmte Zeit vertagt wird.

Gab es nach der Entscheidung im Kulturausschuss einen Austausch mit politischen Entscheidungsträgern und Skeptikern?

AL: Ja. Wir stehen kontinuierlich im Austausch mit politischen Entscheidungsträgern aus unterschiedlichen politischen Lagern. Der Ministerpräsident und der Landtagspräsident waren bereits vor Ort, um sich ein eigenes Bild zu machen. Darüber hinaus haben wir aktiv das Gespräch mit der CDU-Stadtratsfraktion gesucht. Weitere Termine – insbesondere mit politischen Verantwortungsträgern aus der CDU – sind bereits vereinbart. Unser Ziel ist es, bestehende Bedenken offen zu diskutieren und in einem konstruktiven Dialog tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Das Projekt kann nur gelingen, wenn es breit getragen wird. Deshalb setzen wir bewusst auf Gespräch und Transparenz.  

Zum Schluss die Frage: Was ist ihre persönliche Motivation für ihr Engagement?

AL: Ich gehöre zur älteren Generation der jüdischen Gemeinde in Dresden. Meine Motivation ist sehr persönlich: Ich möchte noch erleben, dass dieser Ort eröffnet wird und sichtbar ins Stadtbild zurückkehrt. Viele von uns haben erlebt, wie lange dieser Ort verdrängt wurde.
Für mich geht es darum, dass junge Menschen verstehen, wohin Antisemitismus und Rassismus führt – nicht abstrakt, sondern konkret an einem authentischen Ort. Der Alte Leipziger Bahnhof steht für reale Schicksale, für Entrechtung, Deportation und Mord. Es waren Nachbarn. Familien. Kinder. Diese Geschichte muss sichtbar bleiben, gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Positionen stärker werden.
Gerade heute, in einer Zeit, in der Antisemitismus und rechtsextreme Ideologien stärker werden, brauchen wir Orte, die deutlich machen, wohin Hass, Ausgrenzung und Gleichgültigkeit führen. Junge Menschen müssen verstehen, dass diese Verbrechen nicht irgendwo, sondern hier begannen – mitten in der Gesellschaft.
Ein solcher Ort fordert die Stadtgesellschaft heraus, sich ernsthaft mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auseinanderzusetzen. Erinnerung darf nicht ritualisiert oder bequem sein. Sie muss berühren, irritieren und zum Nachdenken zwingen.
Ich bin überzeugt: Aufklärung, Bildungsarbeit und die Förderung von Empathie sind zentrale Bausteine, um Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten. Deshalb engagiere ich mich.